Anklage, Rausch und Asebeia – Sokrates zwischen Symposion und politischer Angst

Exzerpt von Kapitel 5

Warum wurde Sokrates wirklich angeklagt?

Kapitel 5 zeigt, wie Rausch, Symposion, religiöse Grenzüberschreitung und politische Angst im Athen des 5. Jahrhunderts zu einem explosiven Anklagekontext verschmelzen.

Anklage, Rausch und Asebeia

Sokrates zwischen Religionsfrevel, Symposion und politischer Angst

Die Anklage gegen Sokrates stellt sich bei genauerer Betrachtung als weitaus komplexer dar, als es die klassische Lesart eines philosophischen Justizmordes nahelegt. Zwar lauten die formalen Vorwürfe auf Gottlosigkeit (asebeia) und Verderbung der Jugend, doch legen die historischen Umstände nahe, dass diese Anklage nur die juristische Oberfläche eines tieferliegenden kulturellen und politischen Konflikts bildet. Vor diesem Hintergrund gewinnt insbesondere die Verbindung von Symposion, Rausch und religiöser Grenzüberschreitung zentrale Bedeutung.

Die formalen Anklagepunkte

Die überlieferten Fassungen der Anklage unterscheiden sich in Nuancen, stimmen jedoch im Kern überein. Sokrates wird beschuldigt, die von der Polis anerkannten Götter nicht zu verehren, neue Gottheiten einzuführen und die Jugend zu verderben (vgl. Plato, Apologie 24b–c; Xenophon, Memorabilien 1.1). Entscheidend ist, dass es sich nicht um einen Atheismusvorwurf im modernen Sinn handelt. Der Verdacht richtet sich vielmehr auf eine Abweichung von öffentlich sanktionierter Religionspraxis.

Der Begriff der asebeia erweist sich dabei als auffallend weit. Er umfasst nicht nur die Leugnung der Götter, sondern ebenso die Profanierung heiliger Riten, die Missachtung kultischer Vorschriften und die Einführung nicht autorisierter religiöser Praktiken. Diese Elastizität macht den Vorwurf politisch wirksam.

Die Ankläger und ihre Motive

Die formalen Kläger – Anytos, Meletos und Lykon – repräsentieren unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, teilen jedoch ein gemeinsames Interesse an der Stabilisierung der demokratischen Ordnung nach den Erschütterungen des späten 5. Jahrhunderts. Besonders aufschlussreich ist der Fall des Anytos, dessen Sohn zeitweise mit Sokrates verkehrte, später jedoch dem exzessiven Weingenuss verfiel und gesellschaftlich scheiterte.

In der sokratischen Darstellung erscheint nicht der Philosoph als Verderber, sondern der Wein selbst als zerstörerisches pharmakon, das ohne philosophische Führung zur Degeneration führt (vgl. Xenophon, Apologie 29–31). Damit verschiebt sich der Fokus der Anklage implizit vom Lehrinhalt auf einen gesamten Lebensstil.

Der Skandal von 415 v. Chr. als Hintergrund

Der entscheidende historische Kontext der Anklage ist der Skandal um die Verstümmelung der Hermen und die Profanierung der eleusinischen Mysterien im Jahr 415 v. Chr. Diese Ereignisse erschütterten das religiöse Vertrauen der Polis und erzeugten ein Klima der Angst (vgl. Thukydides, Historia 6.27–29).

Besonders brisant war die Erkenntnis, dass religiöse Rituale in privaten Häusern und im Rahmen von Trinkgelagen nachgeahmt oder verspottet worden waren. Der Gebrauch des Kykeon ausserhalb des eleusinischen Kontextes galt als schweres Vergehen. Das pharmakon, das im rituellen Rahmen heilend wirkte, wurde im Symposion zum Zeichen von Hybris.

Symposion, Rausch und religiöse Grenzüberschreitung

Die Untersuchungen nach 415 v. Chr. offenbaren eine enge Verbindung zwischen aristokratischen Trinkgemeinschaften (hetaireiai), Rausch und politischer Verschwörung. Symposien fungierten als Orte informeller Machtbildung. Exzessiver Weingenuss, begleitet von parodierten Ritualen, wurde als Ausdruck antidemokratischer Gesinnung interpretiert.

In diesem Klima konnte jede Nähe zu sympotischen Kreisen verdächtig erscheinen. Sokrates, der mit zahlreichen später Angeklagten verkehrte, geriet so in den Sog kollektiver Schuldzuschreibungen. Die Assoziation genügte, um ihn in den Verdacht der asebeia zu ziehen.

Aristophanes und das Bild des Magiers

Eine zentrale Rolle spielte das öffentliche Bild des Sokrates, wie es durch Aristophanes geprägt wurde. In den Wolken und den Vögeln erscheint Sokrates als Magier, Totenbeschwörer und Initiator falscher Mysterien. Diese Darstellung aktiviert tief sitzende Ängste vor verborgener religiöser Praxis und pharmakologischer Manipulation.

Begriffe wie goes, magos oder pharmakeus verweisen auf eine Figur der Grenzüberschreitung. In einer Zeit religiöser Sensibilität konnte ein solcher Ruf tödlich sein. Die komische Überzeichnung wirkte langfristig als kulturelle Vorprägung für den Prozess.

Sokrates als pharmakos der Polis

Am Ende erscheint Sokrates selbst als eine Art pharmakos, als Sündenbock für kollektive Verfehlungen. Sein Tod fällt auf den Tag der Thargelien, eines Reinigungsfestes der Polis. Die Hinrichtung erhält so den Charakter eines rituellen Akts politischer Selbstreinigung.

Der Zusammenhang von Rausch, pharmakon und Anklage tritt hier deutlich hervor. Sokrates wird nicht allein wegen seiner Lehre verurteilt, sondern weil er die Ambivalenz verkörpert, die Wein, Dichtung und Philosophie gemeinsam teilen: die Fähigkeit, Ordnung zu stiften oder sie zu untergraben. Seine Verurteilung markiert den Versuch der Polis, diese Ambivalenz gewaltsam zu kontrollieren.

Literatur (Auswahl)

  • Plato: Apologie; Symposion; Nomoi
  • Xenophon: Apologie; Memorabilien
  • Thukydides: Historia
  • Aristophanes: Wolken; Vögel
  • Andokides: Über die Mysterien

Destillat aus dem Buch: Pharmakon Plato, Drug Culture, and Identity in Ancient Athens von Michael A. Rinella

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